“Gute Schule für alle”

oder Gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen

Zur Reform des österreichischen Schulsystems

Die Katholische Jungschar Österreichs begrüßt eine Reform des Schulsystems in Österreich, vor allem dann, wenn sie als Ziel hat, bei der Ausbildung der Mädchen und Buben die Unterschiede zwischen sozialen Gruppen und gesellschaftlichen Milieus aufzuheben. Als Leitgedanke sollten nicht ökonomische Erwägungen, sondern die Bedürfnisse der Mädchen und Buben in den Vordergrund gestellt werden. Deshalb sind Kinder und Jugendliche zu ihren Wünschen, Ideen und Bedürfnissen zu befragen. Besonders sind entwicklungspsychologische, soziale und geschlechtsbezogene Bedürfnisse der Kinder bei der Konzeption von Reformmaßnahmen zu berücksichtigen. Weiters fordern wir eine differenzierende Schuldiskussion, die die unterschiedlichen Reformvorschläge und –modelle präzise benennt und in ihren Konsequenzen für Kinder und Eltern nachvollziehbar darstellt. Auf jeden Fall müssen für die Umsetzung schulischer Reformen die entsprechenden räumlichen, personellen und materiellen Ressourcen gesichert sein.

Gute Schule für alle

Unsere Vision für eine gute Schule für alle Buben und Mädchen ist, dass sie Selbstvertrauen gibt und Kinder und Jugendliche stark macht. Eine gute Schule darf nicht Angst und Stress unter den SchülerInnen erzeugen. Vielmehr bildet eine gute Schule umfassend, bietet Praxis-Erfahrungen für das Leben, geht auf die Bedürfnisse von Kindern und Eltern ein und kennt kein Konkurrenzdenken, sondern nur ein „Wir lernen gemeinsam.“ In Österreich erfolgt nach der Volksschule die Trennung der 10-Jährigen in Hauptschule oder Allgemeinbildende Höhere Schule. Internationale Studien1 belegen, dass eine getrennte Schule soziale Selektion verursacht. Bildungschancen sind in Österreich bis heute von der sozialen Herkunft abhängig, der Status der Familie wird „vererbt“ und damit soziale Ungleichheit über Generationen weitergegeben2.

Forderungen der KJSÖ

All dies widerspricht klar unserer Forderung, eine gute Schule für alle Buben und Mädchen zu ermöglichen. Die KJSÖ sieht daher folgende Punkte prioritär:

  • Für die 10- bis 14-Jährigen soll eine gemeinsame Schule eingeführt werden, in der innere Differenzierung, individuelle Förderung in Kleingruppen mit Team-Teaching3 und Methodenvielfalt Schulalltag sind.
  • Weiteres regt die Katholische Jungschar Österreichs an, darüber zu diskutieren, ob auch ein neuntes Schuljahr gemeinsam erfolgen soll mit speziellem Augenmerk auf eine Orientierung hinsichtlich weiterführender Schulbildung oder Berufswahl.
  • Die Rolle der Privatschulen, die eine Schulgebühr einheben und sich zunehmend von den öffentlichen Gratis-Schulen im Angebot unterscheiden, sollte kritisch im Hinblick auf mögliche soziale Segregation betrachtet werden. Als kirchliche Organisation sind wir hier aufgefordert, auch kirchlichen Trägern die Frage zu stellen, wie sehr diese ihrem traditionellen Auftrag, auch SchülerInnen aus einkommensschwachen Familien eine gute Bildung zu ermöglichen, noch gerecht werden.
  • Die KlassenschülerInnenhöchstzahl soll allgemein auf 25 Kinder oder Jugendliche begrenzt werden. Die ideale Lerngruppe hat aber eine Größe von 12 bis 15 Personen, das heißt, je weniger Kinder oder Jugendliche in der Klasse sind, desto eher ist eine gute Förderung möglich. Hier ist insbesondere darauf aufmerksam zu machen, dass Erlässe von Landesschulräten, die gesetzlich mögliche Überschreitung der KlassenschülerInnen-Höchstzahl um 20% auszuschöpfen, keinen Beitrag zur Hebung der Qualität des Unterrichts darstellen. 4

Argumente für die gemeinsame Schule der 10-14-Jährigen

Weder mit Blick auf soziale Gerechtigkeit, noch entwicklungspsychologisch ist es sinnvoll, im Alter von 10 Jahren über die künftige Bildungslaufbahn zu entscheiden. Mit 10 Jahren ist noch nichts verlässlich über Begabungen, Fähigkeiten, Entwicklungspotential der Kinder zu sagen. Mit 10 Jahren lassen Erwachsene ein Kind noch kaum selbst entscheiden, welchen Weg es einschlagen möchte. Die Interessen und der Blickwinkel der Eltern – und deren eigene Erfahrungen – ­entscheiden. Im Alter zwischen 10 und 15 Jahren spielen die Gleichaltrigen bei der Ausprägung der Persönlichkeit eine wesentliche Rolle. Gerade da wäre eine Zusammensetzung und Mischung der SchülerInnen nach sozialen Schichten, wie sie der Gesellschaft entspricht, wichtig. Wie, wenn nicht durch die Praxis gemeinsamen Lebens, sollen die Kinder denn lernen, Menschen mit anderen Kompetenzen und Schwierigkeiten, mit anderen Familienhintergründen und anderer Alltagskultur zu verstehen und ernst zu nehmen?

Positionspapier der Katholischen Jungschar Österreichs
Verabschiedet von der Bundesleitung der KJSÖ am 3. Februar 2006

1 Ergebnisse einer im Auftrag der Generaldirektion Bildung und Kultur der EU-Kommission erstellten Studie des Dänischen Technologischen Instituts: Jens Henrik Haahr et al.: Explaining Student Performance. Evidence from the international PISA, TIMSS and PIRLS surveys. Danish Technological Institute. Final Report, November 2005.vgl. Bericht auf http://science.orf.at/science/news/143029; Zugriff am 4.2.2006.
2 Siehe dazu die Daten auf http://www.armutskonferenz.at/armut_bildung_zukunft.htm; Zugriff am 4.2.2006.
3 Team-Teaching ist eine kooperative Lernmethode, bei der zwei oder auch mehr Personen eine Lerngruppe unterrichten.
4 Gemäß §§ 43 Abs. 1, 57, 71, 100 und 108 des Schulorganisationsgesetzes, BGBl. Nr. 242/1962 idgF, darf die Klassenschülerhöchstzahl nur dann um bis zu 20 v.H. überschritten werden, wenn dies zur Vermeidung von Abweisungen erforderlich ist, worüber die Schulbehörde erster Instanz zu entscheiden hat“; http://www.bundeselternverband.at/gesetz/bmbwk__.php; Zugriff 4.2.2006.